1704Jahrmarkt im NovemberEin Markt in der ersten Novemberhälfte ist seit diesem Jahr belegt.
19. JahrhundertRäben werden zu LichternDer Brauch ist in mehreren Gegenden des Kantons Zürich verbreitet.
um 1860Ein Lehrer versammelt die KinderUlrich Baumann soll einzelne Räbenlichter zu einem Umzug zusammengeführt haben — überliefert, nicht belegt.
1871–1873Die Chilbi zieht in den SommerDer Lichterbrauch bleibt mit dem November verbunden. Daher der Name.
1884Früher PressebelegDie «Grenzpost» berichtet am 12. November über den bereits bestehenden Umzug.
ab 1905Der Verkehrsverein engagiert sichVereinschronik: 1905; als Organisator spätestens 1908 öffentlich belegt.
1938Rund 600 TeilnehmendeHöchstens vier Tonnen Räben, ein Siebtel von heute. Erste Abzeichen aus gedrechseltem Holz.
1939, 1942–1944Ausfall im KriegEssbare Früchte waren verboten, es galt die Verdunkelung.
1945Neubeginn nach dem KriegRund 6000 beleuchtete Räben, 45 Gruppen, zwei Musikkorps — zum Abschluss eine Friedenstaube.
späte 1940erDie Kirchgängerinnen führen anMädchen der 3. Sek in schwarzen Kostümen eröffnen den Umzug.
1951Im KinoDie Filmwochenschau zeigt die Räbechilbi in der ganzen Schweiz.
1971Neu am SamstagZuvor war der Sonntagabend der Umzugstag.
1972/1973Räben für die Häuser, ein eigener MarschGratis-Räben auch für die Häuser; Uraufführung des Räbechilbimarschs.
1998/1999Der Anlass für den Guinness-EintragUmzug 1998 mit 24 Tonnen Räben und 40 000 Kerzen, angemeldet 1999.
2011/2012Lebendige Tradition der SchweizNationale Auswahl 2011, Online-Inventar ab 2012. Kein UNESCO-Eintrag, sondern ein Schweizer Verzeichnis.
2020–2022Lichter trotz UnterbruchKleine Formen während der Pandemie, Rückkehr des grossen Anlasses 2022.
seit 2025Die nächste EtappeZwei Startpunkte und Beteiligung der Bevölkerung am Projekt «Räbechilbi 2030».
Eine ausgehöhlte Räbe, eine Kerze, ein Licht in der Novembernacht: Aus einfachen Zutaten ist in Richterswil ein Fest entstanden, das Menschen weit über das Dorf hinaus begeistert. Seine Geschichte reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Sie erzählt von Kindern und Lehrpersonen, von Vereinen und Nachbarschaften — und von Menschen, die einer Tradition immer wieder neues Leben gegeben haben.
Als eine Räbe zur Laterne wurde
Räbenlichter sind keine Richterswiler Erfindung. Im 19. Jahrhundert kannte man sie in der Stadt Zürich, am rechten Zürichseeufer und im Zürcher Oberland. Die Räbe war eine verbreitete Feldfrucht und ein Nahrungsmittel. Ausgehöhlt, mit eingeschnitzten Mustern versehen und von innen beleuchtet, wurde daraus eine kleine Laterne. Kinder trugen sie durch die dunklen Gassen, zunächst auch einzeln und ohne organisierten Umzug.[1, 2]
Wie daraus genau die Richterswiler Räbechilbi entstand, lässt sich nicht sicher feststellen. Eine bekannte Überlieferung erzählt von Frauen vom Berg, dem heutigen Samstagern, die mit Räbenlichtern zum Abendgottesdienst ins Dorf gingen. Ein schönes Bild — als tatsächlicher Ursprung des Festes ist es jedoch nicht belegt. Auch die oft genannten Verbindungen zu Erntedank und St. Martin erklären den Brauch nicht abschliessend.[1, 2, 3]
Ein Lehrer und der erste belegte Umzug
Mit den Anfängen wird ein Name verbunden: Ulrich Baumann. Nach mündlicher Überlieferung soll der Richterswiler Lehrer um 1860 Kinder mit ihren Räbenlichtern zu einem gemeinsamen Umzug zusammengeführt haben. Ein zeitgenössischer Beleg, der ihn eindeutig als Gründer ausweist, fehlt.[1, 3]
Sicherer wird die Geschichte am 12. November 1884. An diesem Tag berichtete die «Grenzpost» über den Umzug des vorangegangenen Sonntags. Ein Lehrer hatte den Zug geordnet, die Dorfmusik führte ihn an. Der Bericht beschreibt bereits einen bestehenden Brauch: 1884 ist damit ein belegtes Datum, kein Gründungsjahr. Der Volkskundler Werner Röllin vermutet die Entstehung des gemeinschaftlichen Anlasses in den 1850er-Jahren.[1]
Warum die Chilbi im November blieb
Der Name führt zur alten Kirchweih. Bis 1870 wurde die Richterswiler Chilbi am Sonntag vor dem Martinstag, dem 11. November, gefeiert. Zwischen 1871 und 1873 wechselte sie in den August. Der herbstliche Lichterbrauch blieb mit dem alten Novembertermin verbunden. So erklärt sich die Bezeichnung «Räbechilbi».[1]
Der Markt im November selbst ist alt: Ein Jahrmarkt in der ersten Novemberhälfte lässt sich in Richterswil bis 1704 zurückverfolgen.[12]
Dass dabei ausgerechnet die Räbe erhalten blieb, war keineswegs selbstverständlich. Papierlaternen und Lampions machten ihr Konkurrenz. 1888 empfahl die «Grenzpost» ausdrücklich, wieder eine Räbe auszuhöhlen, wenn das Geld für eine gekaufte Laterne fehlte. Das schlichte Gemüse musste seinen Platz im Fest erst behaupten.[1]
Eine Tradition, die Menschen weitertrugen
Auch in Richterswil verlief die Geschichte nicht ohne Brüche. Um 1900 erhielt der Anlass neuen Schwung; die damalige Presse sprach sogar von einer «Wiedergeburt».[1]
Nach seiner Gründung 1904 engagierte sich der Verkehrsverein zunehmend. Seine eigene Chronik nennt 1905 als Beginn der Organisation; spätestens 1908 ist er durch eine Veranstaltungsanzeige als Organisator belegt.[1, 3]
Schulklassen und Vereine machten aus einzelnen Lichtern ein gemeinsames Dorffest. Die Sujets erzählen bis heute davon: Viele Hände schaffen etwas, das niemand allein auf die Strasse bringen könnte.[2]
Die Motive spiegelten dabei ihre Zeit. In den 1920er-Jahren erschienen etwa ein Zeppelin und Darstellungen aus der Schweizer Geschichte. In den 1930er-Jahren wuchs die Beteiligung der Vereine; Lehrpersonen vermittelten das Räbenschnitzen in der Schule.[1]
1933 nannte das «Höfner Volksblatt» die Räbechilbi einen «uralten, heimattreuen» Brauch. Für die Vereine wurde es danach Ehrensache, mitzumachen. Für 1938 sind rund 600 Teilnehmende belegt, einzelne Sujets bestanden aus bis zu 500 Räben. Insgesamt brauchte man damals höchstens vier Tonnen Räben, etwa ein Siebtel der heutigen Menge. Um den Aufwand zu bezahlen, verkaufte der Verkehrsverein in jenen Jahren erstmals Abzeichen; sie waren aus Holz gedrechselt.[12]
1945: Ein Neubeginn mit einer Friedenstaube
Im Zweiten Weltkrieg fiel die Räbechilbi 1939 und von 1942 bis 1944 aus: Das Kriegsernährungsamt verbot, essbare Früchte dafür zu verwenden, und es galt die Verdunkelung.[12]
1945 kehrte die Räbechilbi zurück. Rund 6000 beleuchtete Räben, 45 Gruppen und zwei Musikkorps gehörten zum Umzug. Den Abschluss bildete eine Friedenstaube.[1]
Beim Neubeginn suchte man nach historischen Wurzeln. In dieser Zeit taucht erstmals die Erzählung von den Kirchgängerinnen vom Berg auf; belegt ist sie nicht. Aus ihr ist aber eine schöne Tradition entstanden: Seit den späten 1940er-Jahren führen Mädchen der dritten Sekundarklassen in schwarzen Kostümen als «Kirchgängerinnen» den Umzug an.[12]
In der Nachkriegszeit festigte sich die Verbindung von Lichterumzug und beleuchtetem Dorf, die den Anlass bis heute prägt. Unverändert blieb er deshalb nicht: Seit 1971 findet die Räbechilbi am Samstagabend statt. Zuvor war der Sonntag der Umzugstag; durch den Wechsel stand er bei schlechtem Wetter als Ausweichtermin zur Verfügung.[1, 3]
Schon 1951 zeigte die Filmwochenschau die Räbechilbi in den Kinos der ganzen Schweiz. 1972 gab der Verkehrsverein erstmals auch für die Beleuchtung der Häuser Räben gratis ab, nicht mehr nur für Schulklassen und Vereine. Damit begann der Aufschwung der geschmückten Häuser; heute wird fast die Hälfte aller Kerzen dafür eingesetzt. 1973 wurde der Räbechilbimarsch des Musikvereins Eintracht Richterswil uraufgeführt.[12]
Der Weg ins Guinness-Buch
Die Dimensionen des Festes weckten schliesslich auch internationales Interesse. Nach Angaben des Verkehrsvereins meldeten drei Schüler die Räbechilbi 1999 für das Guinness-Buch der Rekorde an. Der dort dokumentierte Anlass hatte am 14. November 1998 stattgefunden: mit 24 Tonnen Räben und 40 000 Kerzen. Der Verkehrsverein führt den Guinness-Eintrag unter dem Jahr 2000 auf.[3]
Hinter solchen Zahlen steckt viel Vorbereitung. Die Räben wachsen unter anderem im Zürcher Furttal. Vor dem Fest werden sie ausgehöhlt und verarbeitet, Gestelle gebaut und Sujets zusammengesetzt. Zum Umzug kommen die Lichter an Häusern und in Gärten: Das ganze Dorf wird Teil des Abends.[2, 3, 8]
Lebendiges Kulturerbe der Schweiz
Die Räbenlichter-Umzüge des Kantons Zürich gehören zur Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz. Richterswil wird darin als besonders bedeutender Veranstaltungsort hervorgehoben. Der Brauch war bereits in der ersten nationalen Auswahl von 2011 enthalten; seit 2012 ist das Inventar online zugänglich.[2, 4, 5]
Diese Liste entstand im Rahmen der Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes. Sie ist ein Schweizer Inventar; die Räbechilbi besitzt damit keine eigene Einschreibung in die internationale UNESCO-Liste.[6]
Bewahrt wird dabei mehr als ein eindrucksvolles Bild. Weitergegeben werden auch das Schnitzen, das gemeinsame Bauen und das Wissen darüber, wie aus vielen einzelnen Beiträgen ein Fest entsteht.[2]
Eine Geschichte, die weitergeht
In den Corona-Jahren 2020 und 2021 konnte der grosse Umzug nicht in seiner gewohnten Form stattfinden. Dennoch leuchteten Räben im Dorf. Private Initiativen hielten den Brauch im kleinen Rahmen lebendig; 2021 dokumentierte der Verkehrsverein eine Räbeliechtli-Nacht mit geschmückten Häusern und Gärten. 2022 kehrte der grosse Anlass zurück.[7, 8, 9]
Auch heute entwickelt sich die Räbechilbi weiter. 2025 startete der Umzug erstmals an zwei Orten, um die Besucherströme besser zu verteilen — dazu ein Pilotprojekt mit einem stationären Sujet beim Gemeindehaus. Mit dem Projekt «Räbechilbi 2030» arbeitet der Verkehrsverein gemeinsam mit Mitwirkenden und Bevölkerung an der Zukunft des Festes.[10, 11]
Die Räbechilbi lebt davon, dass Menschen sie gestalten: Kinder schnitzen ihre erste Räbe, Vereine bauen ein neues Sujet, Nachbarinnen und Nachbarn schmücken ihre Häuser. Jeder Jahrgang fügt der Geschichte eigene Bilder hinzu. Die Kerzen brennen für einen Abend. Die Erinnerungen werden weitergetragen.